„Das ist nicht aus Crans-Montana“

„Das ist nicht aus Crans-Montana“, heißt es denn auch in einem Post beim Kurznachrichtendienst „X“ vom 6. Januar. „Das ist von Netflix: ,The Endless Night‘ über eine Tragödie 2013 in Brasilien. Also erzählt mir nicht, dass man die identische Katastrophe nicht hätte ahnen und verhindern können.“
„The Endless Night“ handelt von dem Feuer im Nachtclub Kiss in der Stadt Santa Maria im Süden Brasiliens, bei dem in der Nacht vom 26. auf den 27. Januar 2013 242 Menschen starben und mehr als 600 Menschen schwer verletzt wurden. Es war das zweitschwerste Brandereignis in Brasiliens Geschichte nach einem Zirkusfeuer von 1961.
Bei dem Konzert der Band Gurizada Fandangueira geriet das Dämmmaterial der Saaldecke durch einen Feuerwerkseffekt in Brand. Hier ist die Ähnlichkeit tatsächlich frappierend: Ursache der Tragödie in der Bar Le Constellation im schweizerischen Crans-Montana am 1. Januar dieses Jahres waren – so ergaben bisherige Ermittlungen – Sprühfontänen an Champagnerflaschen, die die dortige Deckenverkleidung entflammten.
In dem Feuer, das nachts um 1.30 Uhr ausbrach, starben 40 Menschen, 116 meist Schwerverletzte wurden in Hospitäler der Schweiz verbracht, später unter anderem nach Deutschland, Frankreich und Italien verlegt.
Die hierzulande nur auf Portugiesisch mit Untertiteln zu sehende Serie beginnt mit dem Entzünden einer Sprühfackel auf der Geburtstagstorte der 20-jährigen Marienne (Manu Morelli). „Das ganze Leben liegt vor dir“, sagt der Vater. Sie wird feiern gehen im Kiss-Club, und diese Nacht wird sie das Leben kosten.
Die Band im Film nutzt Bühnenpyrotechnik, die Funken sprühen aus einem Spezialhandschuh des Sängers an die Hallendecke. Ein kleines Glutnest an der Kunstschaumdecke bildet sich – im Nu wölben sich darin Flammen, wird es zum flächigen Brand über den Köpfen der Fans, auf die der brennende Kunststoff herabtropft. Die Bilder zeigen auch das klaustrophobische Chaos einer Menschenmasse in Panik.
Besonders grausige Details bleiben zwar ausgespart, aber die Unerträglichkeit von Ungewissheit und Verlust geben dem Betrachter ein Gefühl der Beklemmung. Der Gedankensprung zu den aktuellen Ereignissen erfolgt unweigerlich. Hier wie da war die lärmdämmende Decke des Veranstaltungsraums brennbar. Feuerfestes Isoliermaterial hätte beide Katastrophen verhindern können. In beiden Fällen gab es nur einen Notausgang.
In anderem unterscheiden sich beide Ereignisse. Weil Eintritt und Getränke in Brasilien erst am Veranstaltungsende gezahlt werden, wurde der Haupteingang trotz des Feuers spät geöffnet. Der zudem durch Gitter verengt war, um Zechpreller zu behindern. Die Sicherheitsgenehmigung der Feuerwehr für den Kiss-Club war schon ein halbes Jahr abgelaufen.
In Crans-Montana wurde bekannt, dass Türen eines Fluchtwegs vorschriftswidrig nach innen aufgingen. Der Gemeindepräsident erklärte, dass die letzte der eigentlich jährlich fälligen Brandschutzkontrollen der Bar Le Constellation sechs Jahre zurückliege. Ab sofort verbiete Crans-Montana die Verwendung von Pyromaterial in Gebäuden, so berichtete unter anderem das Magazin „Der Spiegel“.
Die brasilianische Serie schließt mit Hoffnungsmomenten. Mit einer Tänzerin etwa, die mit einer Beinprothese wieder zu tanzen beginnt. Mit einem Gitarristen, der sich mit seinen verbrannten Händen wieder an sein Instrument wagt. Und mit einem Kuss. „Ein Jahrzehnt nach dem Brand ist niemand in Haft“, heißt es jedoch im Abspann.
Das hat sich inzwischen geändert: Im April 2025 August bestätigte das Oberste Bundesgericht Urteile aus dem Jahr 2021 gegen zwei Besitzer des Kiss (19 respektive 22 Jahre), sowie den Sänger und den Produzenten der Band (je 18 Jahre) wegen 242-fachen Mordes und ordnete deren sofortige Inhaftierung an.
Die Reduzierung der Haftstrafen auf zwölf (Clubbesitzer) respektive elf Jahre (Band) im August 2025 wurde von Überlebenden und Hinterbliebenen heftig kritisiert, die – so sagt es der Originaltitel der Serie „Todo Dia a Mesma Noite“ – „jeden Tag dieselbe Nacht“ erleben.
Auch das Feuer von Santa Maria war nicht das erste, bei dem Pyrotechnik einen Veranstaltungsort mit fürchterlichen Folgen in Brand setzte.
Am 20. Februar 2003 kam es bei einem Konzert der Band Jack Russell’s Great White im Nachtclub The Station in West Warwick im US-Bundesstaat Rhode Island durch Pyrofontänen zu einem Brand des Schalldämmmaterials, der 100 Menschen das Leben kostete und 230 weitere Opfer zum Teil schwer verletzte. Auch hier gibt es eine filmische Aufarbeitung. Die Doku „The Guest List“ (2022) erinnert an dieses Unglück.
Das ganze Leben liegt vor dir.
„The Endless Night“ | Netflix
bereits streambar